Was vor der Kamera passiert, wurde vorher verabredet
Die meisten Porträts scheitern nicht am Drehtag. Sie scheitern an dem, was im Vorfeld nicht geklärt wurde. Wenn eine CEO vor der Kamera sitzt und Sätze produziert, die man auch aus dem Geschäftsbericht zitieren könnte, dann liegt das selten an ihr. Es liegt daran, dass niemand ihr vorher gesagt hat, welches Gespräch überhaupt geführt wird. Wir haben in den letzten Jahren gelernt, dass die entscheidende Arbeit an einem Porträt in einem Zeitfenster stattfindet, das viele Auftraggeber gar nicht als Arbeitszeit wahrnehmen. Es ist die Zeit zwischen der Auftragsbestätigung und dem ersten Kameraaufbau.
Warum ein guter Drehtag ein vorbereiteter Drehtag ist
Ein CEO, der am Morgen des Interviews zum ersten Mal hört, was ihn erwartet, wird zwei Dinge tun. Er wird auf vertraute Formulierungen zurückgreifen, weil sie sicher sind. Und er wird das Gespräch als Prüfung erleben, in der er möglichst wenig falsch machen möchte. Beides führt zu einem Material, das technisch sauber ist und inhaltlich nichts hergibt. Wir arbeiten deshalb daran, dass am Drehtag nichts mehr überraschend ist außer der eigenen Offenheit. Alles, was Unsicherheit erzeugen könnte, wurde vorher besprochen. Was übrig bleibt, ist die Frage, die niemand vorwegnehmen kann: Wie weit will ich heute gehen.
Was ein Vorgespräch tatsächlich klärt
Im Vorgespräch geht es uns nicht darum, Antworten einzuüben. Das wäre das Gegenteil dessen, was ein Porträt braucht. Es geht darum, den Raum zu vermessen, in dem gesprochen werden kann. Wir klären, welche Themen die Person selbst für interessant hält und welche sie für abgenutzt. Wir hören, wo sie eigene Widersprüche wahrnimmt und wo sie noch keine fertige Sprache hat. Genau diese Stellen sind später im Interview die produktivsten. Sie sind der Grund, warum ein Vorgespräch keine Vorbereitung im engeren Sinn ist, sondern eine Kartierung dessen, was überhaupt zur Verhandlung steht.
Der Unterschied zwischen Auskunft und Gespräch
Viele Führungskräfte kennen aus Presseinterviews nur eine Form der Befragung. Journalisten wollen Zitate, die außerhalb des Kontexts funktionieren. Also liefert man Sätze, die auch ohne Kontext funktionieren. Das ist eine erlernte Reaktion und im Presseumgang oft klug. Für ein Porträt ist sie tödlich. Wir müssen deshalb im Vorfeld deutlich machen, dass wir kein Zitat suchen, sondern einen Gedanken, der sich im Sprechen entwickelt. Sobald dieser Unterschied verstanden ist, verändert sich das Sprechverhalten. Der Interviewpartner hört auf, Überschriften zu produzieren, und beginnt, zu denken.
Wo die eigentliche Arbeit liegt
Der operative Kern, den wir in unserer Arbeit immer wieder überprüfen, ist folgender: Ein Porträt wird nicht durch die Fragen am Drehtag entschieden, sondern durch die Verabredung, die wir im Vorgespräch treffen. Diese Verabredung hat drei Ebenen. Erstens: Wir einigen uns darauf, welche Themen nicht als Positionierungsübung behandelt werden. Zweitens: Wir benennen die Stellen, an denen der Interviewpartner selbst noch unsicher ist, und verabreden, dass genau dort ruhig weitergefragt wird. Drittens: Wir klären, wie mit einem Moment umgegangen wird, in dem die Person merkt, dass sie gerade etwas Neues denkt. Diese dritte Vereinbarung ist die wichtigste. Ohne sie unterbricht sich der Sprechende reflexhaft selbst, sobald er die Kontrolle über den Satz verliert. Mit ihr hält er inne, atmet und spricht weiter. Das sind die Momente, aus denen später der Film besteht. Für unsere Auftraggeber bedeutet das konkret: Am Ende des Drehtags liegt Material vor, das man nicht mehr durch Nachdreh reparieren muss. Die Aussagen sind vorhanden, weil die Bedingungen für sie geschaffen wurden. Was in der Postproduktion übrig bleibt, ist eine Auswahl, keine Rettung.
Warum das für den Auftraggeber wirtschaftlich ist
Es klingt zunächst nach Mehraufwand, wenn wir zwei oder drei Vorgespräche führen, bevor überhaupt eine Kamera aufgebaut wird. Rechnerisch ist das Gegenteil der Fall. Ein Drehtag mit einer CEO, der sein Ziel verfehlt, kostet Zeit, Geld und in der Regel auch das Vertrauen der Beteiligten. Ein zweiter Anlauf ist selten möglich. Wir sehen es insofern als Teil unserer Verantwortung, den ersten Anlauf so vorzubereiten, dass er der einzige sein muss. Die Vorgespräche sind quasi die Versicherung gegen das Szenario, das die meisten Auftraggeber am Ende des Drehtags fürchten: dass alles funktioniert hat außer dem Menschen, um den es ging. Wir haben in den letzten Jahren kein Porträt begleitet, in dem diese Vorarbeit sich nicht am Schnittplatz ausgezahlt hätte.
Was sich für die porträtierte Person verändert
Ein CEO, der weiß, dass er nicht geprüft wird, spricht anders. Das ist im Grunde eine banale Beobachtung, aber sie hat weitreichende Konsequenzen für die Bildwirkung. Der Blick verändert sich, die Sprechgeschwindigkeit, die Bereitschaft, eine Pause zuzulassen. Auf dem Bildschirm sieht das dann aus wie Präsenz, ist aber eigentlich die Abwesenheit von Verteidigungsreflexen. Diese Abwesenheit lässt sich nicht durch Anweisung herstellen. Sie entsteht, wenn die Person versteht, dass das Vorgespräch keine Falle war und der Drehtag keine sein wird. Für unsere Auftraggeber ist das der Punkt, an dem sich der Charakter des Materials verändert. Es entstehen Sätze, die man vorher nicht hätte planen können und die trotzdem präzise auf das Unternehmen einzahlen.
Was mit einem Porträt möglich wird, wenn diese Grundlage stimmt
Ein Porträt, dessen Vorarbeit ernst genommen wurde, kann Dinge leisten, die eine reine Imageproduktion nicht leisten kann. Es kann intern gezeigt werden, ohne dass die Belegschaft die Augen verdreht. Es kann in Verhandlungen verwendet werden, weil die porträtierte Person darin erkennbar ist, nicht nur repräsentiert. Es kann über mehrere Jahre laufen, ohne zu altern, weil es keine tagesaktuelle Rhetorik enthält. All das sind konkrete wirtschaftliche Effekte, die sich aus einer Entscheidung ergeben, die vor dem Drehtag getroffen wurde. Die Entscheidung lautet: Wir nehmen uns Zeit, bevor wir aufnehmen. Ohne diese Entscheidung kann auch die beste Kameraarbeit nicht viel ausrichten.
Wir werden in der Praxis oft gefragt, was den Unterschied macht zwischen einem Porträt, das funktioniert, und einem, das schnell wieder im Archiv verschwindet. Die Antwort hat wenig mit Technik zu tun und viel mit der Frage, ob im Vorfeld ein echtes Gespräch stattgefunden hat. Was am Drehtag als Authentizität lesbar wird, ist die Konsequenz einer Verabredung, die Wochen vorher getroffen wurde. Wir verstehen unsere Arbeit insofern nicht als filmische Umsetzung eines vorhandenen Materials, sondern als Vorbereitung eines Zustands, in dem das Material erst entstehen kann. Für unsere Auftraggeber ist das die Zusicherung, dass am Ende nicht das gedreht wird, was ohnehin schon in der Broschüre steht.














