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Arbeitgebermarke im Mittelstand: Warum Recruiting-Videos floppen

vor 1 Tag

|

6 Min Lesezeit

Sie investieren in Employer Branding und bekommen Bewerbungen, die nicht passen. Erfahren Sie, warum die meisten Recruiting-Filme die falschen Menschen anziehen und welcher Hebel ein Porträt zu einem präzisen Vorfilter für Bewerber macht.

von

Benjamin Holz

Als Filmemacher entwickle ich filmische Porträts für Unternehmen, Künstler:innen und CEOs – nicht als Content, sondern als Teil ihrer Positionierung. Es geht nicht darum, etwas darzustellen, sondern darum, sichtbar zu machen, was bereits da ist: Haltung, Substanz, Widerspruch, Klarheit.

Was ein Porträt im Recruiting wirklich entscheidet

Sie kennen die Situation: Das neue Karrierevideo ist online, die Klickzahlen sehen gut aus, die Personalabteilung freut sich über die Bewerbungseingänge. Drei Monate später stellen Sie fest, dass die Hälfte der Bewerber nach der ersten Woche wieder geht oder gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch erscheint. Das Problem liegt selten am Recruiting-Prozess. Es liegt am Film. Genauer: an der Frage, wen dieser Film eigentlich adressiert hat. Die meisten Arbeitgeberfilme erzeugen Reichweite, aber keine Passung. Und das ist im Mittelstand teurer als jede Kampagne.

Reichweite ist nicht das Problem, Passung ist es

Im Mittelstand fehlen selten Bewerbungen an sich. Es fehlen die richtigen. Wer einen Film produziert, der das Unternehmen als hip, jung und dynamisch zeigt, zieht Menschen an, die hip, jung und dynamisch sein wollen. Wenn die Realität im Werk dann konzentriert, ruhig und fachlich anspruchsvoll ist, entsteht eine Lücke zwischen Erwartung und Alltag. Diese Lücke kostet Sie Probezeiten, Onboardings und Vertrauen im Team. Ein gutes Porträt schließt diese Lücke vorher, indem es zeigt, was tatsächlich da ist.

Warum die meisten Arbeitgeberfilme die falschen Signale senden

Werfen Sie einen Blick auf zwanzig Karriereseiten mittelständischer Unternehmen. Sie werden dieselben Bilder sehen: Tischkicker, High-five, Teammeeting mit Post-its, lachende Menschen vor einer Glaswand. Diese Bildsprache ist nicht falsch, aber sie ist universell. Sie sagt nichts über Ihr Unternehmen aus. Sie sagt nur: »Wir haben verstanden, was man bei Employer Branding so macht.« Das ist das Gegenteil von Differenzierung. Wer so kommuniziert, wird mit allen anderen verwechselt, die so kommunizieren. Und genau diese Verwechslung sortiert die falschen Bewerber in Ihre Pipeline.

Was ein Geschäftsführer-Porträt im Recruiting leistet

Wenn ein Bewerber sieht, wie der Geschäftsführer über das Unternehmen spricht, passiert etwas, das kein Imagefilm leisten kann. Der Bewerber bekommt einen Eindruck davon, wie hier gedacht wird. Er hört, welche Sätze fallen, welche Pausen entstehen, worüber jemand ins Detail geht und worüber nicht. Daraus entsteht ein Gefühl für die Kultur, das sich nicht in Stichworten zusammenfassen lässt, aber sehr genau filtert. Bewerber, die mit dieser Tonalität nichts anfangen können, bewerben sich nicht. Bewerber, die sich angesprochen fühlen, kommen mit der richtigen Erwartung. Das ist ein Effekt, der in keiner Stellenanzeige aufzufangen ist.

Der Hebel liegt in der Selbstauskunft, nicht im Versprechen

Die meisten Recruiting-Kommunikationen versprechen etwas: Entwicklung, Sinn, Team, Flexibilität. Diese Versprechen sind austauschbar und werden nicht geglaubt. Ein Porträt funktioniert anders. Es verspricht nicht, es zeigt. Wenn der Geschäftsführer auf die Frage, was ihn an seiner Arbeit am meisten beschäftigt, eine konkrete Antwort gibt, dann ist das eine Selbstauskunft. Diese Selbstauskunft kann ein Bewerber prüfen, einordnen und mit seinen eigenen Erwartungen abgleichen. Hier entsteht der Vorfilter: Der Bewerber entscheidet selbst, ob er passt, bevor Sie ihn überhaupt einladen. Das spart auf beiden Seiten Zeit, Geld und Enttäuschung. Voraussetzung ist, dass das Gespräch konkret genug geführt wird, um echte Selbstauskunft möglich zu machen, und dass diese Selbstauskunft im Film bleibt, statt wegredigiert zu werden.

Warum der Geschäftsführer die richtige Person ist

Sie könnten auch Mitarbeiter sprechen lassen. Das ist legitim, hat aber einen Nebeneffekt: Mitarbeiter sprechen über ihre Erfahrung, nicht über die Richtung des Unternehmens. Für die Richtung sind Sie zuständig. Bewerber, die in einer relevanten Position einsteigen, wollen wissen, wohin es geht und wer das entscheidet. Sie wollen die Person sehen, die später ihre Arbeit prägen wird, und zwar bevor sie unterschreiben. Ein CEO-Porträt im Wettbewerb wirkt nach innen ähnlich wie nach außen: Es macht entscheidbar, ob jemand in dieses Umfeld will oder nicht. Das ist im Recruiting kein weicher Faktor, sondern der eigentliche Hebel.

Was sich für Sie konkret verändert

Drei Effekte lassen sich beobachten, wenn ein Geschäftsführer-Porträt im Recruiting-Prozess steht. Erstens: Die Bewerbungseingänge gehen in der Regel leicht zurück, die Qualität steigt deutlich. Sie sortieren weniger, weil weniger Falsche kommen. Zweitens: Die Vorstellungsgespräche werden inhaltlicher, weil Bewerber das Unternehmen schon kennen und nicht mehr bei Null anfangen. Sie kommen mit Fragen, nicht mit allgemeinen Floskeln. Drittens: Die Probezeitabbrüche sinken, weil die Erwartung an die Realität gekoppelt war. Diese drei Effekte zusammen verändern die Kosten pro Einstellung deutlicher als jede Optimierung der Stellenanzeige.

Warum Authentizität hier nichts mit Spontaneität zu tun hat

Ein verbreitetes Missverständnis: Damit ein Geschäftsführer-Porträt echt wirkt, müsse man die Kamera aufstellen, ein paar Fragen stellen und das Rohmaterial zeigen. Das Gegenteil ist der Fall. Ohne ein vorbereitetes Gespräch entsteht entweder eine PR-Antwort oder eine Verlegenheitsantwort. Beides ist für den Bewerber unbrauchbar. Was er braucht, ist eine Antwort, die jemand wirklich durchdacht hat, ruhig formuliert und in der eigenen Sprache gibt. Diese Form der Antwort entsteht durch präzise Steuerung im Gespräch, nicht durch Zufall. Authentizität ist hier ein Ergebnis, kein Ausgangsmaterial.

Der Punkt, an dem ein Porträt mehr wird als Kommunikation

Wenn ein Geschäftsführer-Porträt gut gemacht ist, hört es auf, ein Marketingasset zu sein. Es wird zum Referenzpunkt im Unternehmen. Neue Mitarbeiter sehen es vor dem ersten Tag, bestehende sehen es in Onboardings, Bewerber sehen es bei der Recherche, Kunden sehen es im Vertriebsprozess. Es funktioniert mehrfach, weil es nicht für einen Anlass gemacht wurde, sondern weil es eine grundsätzliche Aussage des Unternehmens festhält. Das ist der eigentliche ökonomische Hebel: ein Stück Kommunikation, das in mehreren Prozessen gleichzeitig arbeitet, ohne aktualisiert werden zu müssen. Für mittelständische Unternehmen, die keine Kommunikationsabteilung mit fünfzehn Köpfen haben, ist das ein relevanter Unterschied.

Wenn Sie Ihre Arbeitgebermarke ernst nehmen, lohnt es sich, die Frage einmal vom Ende her zu stellen: Welche Menschen wollen Sie in fünf Jahren in Ihrem Unternehmen sehen, und woran würden diese Menschen jetzt erkennen, dass sie hierher gehören? Die Antwort liegt selten in der nächsten Kampagne. Sie liegt darin, dass Bewerber etwas zu sehen bekommen, das sich nicht in fünfzehn anderen Karrierevideos wiederfindet. Ein Geschäftsführer, der in eigenen Worten erklärt, wie er sein Unternehmen sieht, ist dafür kein nettes Extra. Es ist der präziseste Vorfilter, den Sie aufstellen können. Und er kostet Sie deutlich weniger als die Probezeitabbrüche, die er verhindert.

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